SINZINGER LINDE - Okt. 2013
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Interview

Frage: Sie sind als bildender Künstler ein Spätzünder. Wie kommt denn das?

Antwort: Also, Sie gehen es ja gleich richtig an, mit Ihrer ersten Frage (beide lachen)….
Um nun Ihre Frage zu beantworten: Wer das Bedürfnis dazu verspürt, soll sich auf diese Art auszudrücken versuchen. Für mich ist es wie eine andere Form von Tagebuchaufzeichnung. Deshalb hänge ich auch sehr an meinen Werken und verkaufe nichts davon.

Was bezwecken Sie mit so manchen hintergründigen Titeln, wie "Prokrustiert"?

Das sollte eine Anspielung auf das Prokrustesbett sein. Zunächst einmal möchte ich jeden damit so neugierig machen, dass zumindest im Internet nachgesehen wird. Früher musste man dazu zum Bücherregal gehen. War das anstrengend (Hauser schmunzelt). Heute ist das Verb "googeln" sogar im Duden eingetragen. Diejenigen aber, die mit der Titelbezeichnung "Prokrustiert" ohne Google-Hilfe zurechtkommen, werden sich halt gleich über den Inhalt des Bildes Gedanken machen - darf gehofft werden. Sie sehen am Original, dass auf dem Malgrund ein zusammengeschobener, bemalter Papierbogen aufgeklebt wurde. Dies wäre, nach Erwin Panofsky, ein kleiner Teil der Ikonographie. Erst dann sollte sich der Betrachter mit der Ikonologie beschäftigen. Also damit, was denn das Bild (in dem Fall die Assemblage) aussagen könnte.

Sie wollen also gleich mit Ihrem Bildtitel einem Bildungsauftrag nachkommen?

Ich möchte dem Betrachter schon mit dem Titel eine kleine Interpretationshilfe bieten.

Sie erwähnten vorhin Erwin Panofsky. Haben Sie sich auch mit anderen Theoretikern beschäftigt?

Selbstverständlich. Mit Jacob Burckhardt, Winckelmann, Nikolaus Pevsner oder Hans
Sedlmayr. Interessant fand ich das Standardwerk "Saturn und Melancholie", von Klibansky, Panofsky und Saxl. Da ich mir angewöhnt habe, in meinen Büchern das Lesejahr einzutragen, weiß ich bei diesem Werk zufällig, dass ich es zum ersten Mal 1997 durchstudiert habe.

Sie haben sich ja alles im Selbststudium angeeignet. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Hatten Sie wenigstens von irgendjemandem Tipps bekommen?

Nein, Tipps habe ich von niemandem bekommen, weil ich auch keine Kontakte zu den Studierenden oder gar schon etablierten Künstlern gesucht hatte. Dadurch hat es bis jetzt auch keinen konstruktiven Austausch mit Künstlern gegeben, was nicht nur Nachteile hat. Meine Kontakte als klassischer Sänger spielten sich bisher in der Theaterwelt ab. In dieser Mühle war jeder froh, mit erhobenem Haupte die jeweilige Spielsaison zu überstehen. Das wäre aber ein anderes Interview, bei dem dann auch meine jahrelange Unterrichtstätigkeit als Gesangspädagoge und Atemtherapeut zur Sprache käme.
Lassen Sie uns lieber wieder auf die bildenden Künste und meine Entwicklung in diesem Bereich zurückkommen.

Gerne. Von welcher Basis sind Sie denn ausgegangen? Welcher Bildungshintergrund stand Ihnen zur Verfügung?

Eigentlich kam ich über den nicht zu bereuenden Umweg der Philosophie zur Malerei. Jahrelang habe ich mich mit den griechischen und römischen Philosophen beschäftigt. Die wichtigsten Werke von Platon und Aristoteles habe ich mir verinnerlicht. Sie sind mir noch heute sehr vertraut. Dann kam ich allmählich zu Vitruv und Palladio. Bis zur Bildhauerei und Malerei war es dann nur mehr ein kleiner Schritt.

Haben Sie sich auch auf Ihrem autodidaktischen Weg mit der modernen Architektur auseinander gesetzt?

Höre ich da in Ihrer Frage eine kleine Anspielung auf einige meiner Keramikplastiken?

Ja, da sind mir einige aufgefallen, die ich damit in Verbindung gebracht habe.

Ich hatte schon seit etlichen Jahren ein sehr interessantes Sachbuch über Brückenkonstruktionen im Bücherregal stehen. Wenn ich mich recht erinnere, war das mein Einstieg zu meinem Architekturinteresse. Da ging ich wieder einmal, wie bei der Philosophie, zurück bis zu den verfügbaren Anfängen. Von da ab habe ich mich chronologisch durchgearbeitet bis zu den weltweit anerkannten Architekten unserer Zeit. Einige, die mir spontan einfallen, sind: Le Corbusier, Frank Gehry, Renzo Piano, Alvar Aalto, Gaudí, Kenzo Tange oder Zaha Hadid. Mit diesem Hintergrund sind sicher einige meiner Plastiken entstanden. Eine Zeit lang hat mich das Wechselspiel von konkav und konvex interessiert. Und zwar in vielen erdenklichen Varianten. Das ist sicher u.a. in einigen meiner Zeichnungen zu erkennen.

Welche Themen verwenden Sie in Ihren Bildern und Plastiken? Ist da Autobiografisches dabei?

Mit voller Absicht habe ich sicherlich nichts Autobiografisches in meinen Bildern verarbeitet. Das ist nicht meine Art. Ich halte nicht viel von dem Schmerz, der sich selbst genießt. Byrons Weltschmerz ist eher etwas für Jugendliche und Spätpubertäre. Nein, bei mir sind Themenbereiche zu finden, mit denen ich mich gerade beschäftige. Den ganzen Tag schießen mir Themen verschiedenster Art durch den Kopf. Manchmal mache ich mir Notizen und Skizzen. Da ich seit Jahrzehnten täglich sehr viel lese, hat sich auch auf dieser Weise sehr viel angesammelt, das abrufbereit vorhanden ist. Derzeit beschäftigen mich Leibniz' Uhren- und Mühlengleichnis. Mir stellen sich schon während des Lesens viele Fragen. Beispielsweise die Fragen, warum und aus welchem Grund hat schon einmal ein berühmter Künstler seine ebenfalls berühmten Uhren gemalt? Warum werden schon seit Jahrtausenden Gleichnisse verwendet, anstatt klar heraus zu sagen oder zu schreiben, was Sache ist? Was ist der Unterschied zwischen einem Gleichnis und einer Allegorie? Wo ist Franz Kafkas Metaphorik einzuordnen? Das ist schon mal ein Fragenkomplex, mit dem ich mich anfangs beschäftige, bevor ich in die Details der Ausführung gehe. Nur bei den meisten Kohlezeichnungen braucht es bei mir diese Art von Vorbereitungen nicht. Die werden von einer Sekunde zu anderen aufs Papier gebracht. Ohne groß zu überlegen.

Gibt es, außer bei den gerade von Ihnen erwähnten Kohlezeichnungen, für Ihre Arbeiten Entwürfe?

Nicht immer. Meistens helfe ich mir mit Bleistift-Vorzeichnungen auf der Leinwand.

Arbeiten Sie in einem Atelier?

Nein, mir steht kein Atelier zur Verfügung. Zum Leidwesen meiner Frau arbeite ich zuhause. Deshalb bin ich auch vorübergehend von der Ölmalerei abgekommen, weil sie sehr viel Schmutz verursacht. Acrylfarben lassen sich viel leichter wieder entfernen, von da, wo sie nicht hingehören. In der kalten Jahreszeit arbeite ich im Keller. Zwischendurch muss ich ans Tageslicht, sodass die Farben auch die Wirkung bekommen, wie ich sie mir vorstelle.

Wie sind, von der technischen Ausführung her, Ihre Keramikfiguren entstanden?

Bis zum ersten Brand ließ ich die Tonfiguren trocknen. Da ich selber keinen Brennofen besitze, bin ich des öfteren bis zu 20 km weit gefahren, um beide Brennvorgänge machen zu lassen. Da muss ich mit verlässlichen Menschen zusammen arbeiten. Wenn die dann nicht gerade kooperativ oder unverlässlich sind, trenne ich mich wieder und arbeite anders weiter. Also ohne Tonarbeiten. Da ärgere ich mich nicht mehr allzusehr wie in früheren Zeiten. Ich habe ja gesehen, wohin es führt, wenn man jahrzehntelang dem Ärger zuviel Platz macht.

Sie meinen, Ihre schwere Erkrankung im letzten Jahr (2014). Ich bemerke, dass Sie gar nicht anderen die Schuld geben, sondern dem Umgang mit sich selbst?

Das ist auch für alle und für alles der richtige Weg, um zu grundsätzlichen Veränderungen zu kommen.

Warum sind Sie eigentlich mit unserem Interview einverstanden?

Weil ich darauf hoffte, dass Sie vernünftige Fragen stellen, die mir dann noch mehr Klarheit über meinen Werdegang verschaffen. Sie überraschen mich also positiv mit Ihren Fragen, worüber ich Ihnen bis jetzt sehr dankbar bin.

Vielen Dank für das Kompliment. Warum stellen Sie aber unser Interview ins Netz? Und gerade an dieser Stelle?

Das ist wiederum eine gute Frage, auf die ich versuche, so vorsichtig wie nur möglich zu antworten (Hauser bittet um Unterbrechung, weil es ihm zu anstrengend geworden ist). Können wir ein wenig später weiter machen?

Kein Problem. Ich bin auf Unterbrechungen vorbereitet. Sie sagen mir, wann Sie wieder so weit sind.

Danke.

(Das Interview wird fortgesetzt. Die Frage von vorhin wird wiederholt).

Antwort: Diese Website diente bis November vorigen Jahres (2014) meinen beiden Gesangsensembles, die ich neben meiner damaligen hauptberuflichen Tätigkeit als Gesangspädagoge und Atemtherapeut gründete und auch leitete. Wie Sie wissen, musste ich aus gesundheitlichen Gründen alle diese Tätigkeiten aufgeben. Laut ärztlichem Gutachten darf ich aber noch einige Stunden am Tag arbeiten, ohne mich zu überanstrengen. Zur gleichen Zeit wurde ich aber als Schwerbehinderter eingestuft. Das hat mich dazu veranlasst, die Frührente einzureichen.

Da haben Sie nun mehr Zeit, sich Ihren Hobbys zu widmen.

Ich habe keine Hobbys. Kein einziges. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit den Geisteswissenschaften. Leider viel zu wenig mit den Naturwissenschaften. Die Musik gehörte übrigens einmal zum Quadrivium, nicht zum Trivium. Das heißt doch nicht, wenn sich jemand mit Lust und Liebe eingehendst mit diesen spannenden Themen beschäftigt, dass dies seine Hobbys wären. Ist doch nicht mit Bierdeckelsammeln oder mit der Ausübung einer Sportart zu vergleichen.

Sie fühlen sich also nicht als Sonntagsmaler. Habe ich das richtig verstanden?

Es gibt doch genügend anerkannte Maler, die sich diese Kunst selbst angeeignet haben. Wer fällt mir spontan dazu ein? Francis Bacon oder Henri Rousseau. Andere wieder haben sich nach kurzer Zeit von der akademischen Ausbildungsstätte verabschiedet. Dazu fällt mir Egon Schiele ein. Selbst ein weltweit anerkannter Fotograf wie Cartier-Bresson hat es nicht sehr lange bei seinem Lehrer ausgehalten. Sogar unter den Architekten finden Sie Autodidakten.

Wie haben Sie aber, während Sie noch berufstätig waren, Zeit gehabt, sich diesen Wust an Wissen anzueignen?

Wer viel weiß, möchte noch mehr wissen. Da zweigt man sich halt die Zeit von anderen Tätigkeiten ab. Der Tag ist durchstrukturiert und wird nicht mit Nebensächlichkeiten vergeudet. Da stand mir immer das sogenannte Eisenhower-Prinzip zur Seite: Wichtig-Unwichtig. Dringend-Nicht dringend. Das Schwere daran ist die richtige Zuordnung. Wenn die Leute jeden Tag mindestens eine Stunde früher aufstehen, um zu lesen, dann hat jeder schon für seinen Alltag und für sein ganzes Leben sehr viel Sinnvolles vollbracht. Von Claudio Abbado wissen wir, dass er jeden Tag mit dem Lesen von philosophischen Werken begonnen hat, obwohl er sicherlich ein gestressteres Leben hatte, als manche andere Leute, die täglich ins Büro gehen und um siebzehn Uhr Feierabend machen. Lesen gefährdet die Dummheit, und Bildung macht frei. Man ist aber nicht dazu da, um anderen ständig zu zeigen, dass sie auf dem falschen Dampfer sind. Vorbildlich darf man aber schon sein.

Was machen Sie im Urlaub?

Aus mehrerlei Gründen hatten meine Frau und ich schon seit 1998 keinen Urlaub. Im Juli 1998 haben wir geheiratet und wurden anschließend nach Genf und Chamonix eingeladen. Das war also gleichzeitig Urlaub und Hochzeitsreise. Seit damals hatten wir halt sogenannte Entspannungstage, an denen wir nicht vom Alltag ausgelaugt und ausgesaugt wurden. Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich nicht ins Detail gehen möchte.

Selbstverständlich. Wie wird es jetzt mit Ihnen weitergehen? Planen Sie eine erste Ausstellung?

Ja, das möchte ich. Egal, ob so eine Ausstellung in einer Scheune oder gar in einer Garage stattfinden wird. Zum Verkauf wird dabei nichts angeboten. Ich möchte den Leuten zeigen, wie weit man es schaffen kann, wenn man sich ernsthaft für eine Sache interessiert, an der man Freude hat. Jeder ist für irgendetwas talentiert. Das muss ja nicht im künstlerischen Bereich sein. Man kann doch auch mit speziellen Computerprogrammen z.B. Autokarosserien oder Gleitschirme entwerfen. Die geistige Trägheit ist dabei ein immenser Störfaktor. Ein negativ eingestelltes soziales Umfeld ist dabei auch nicht gerade fördernd. "Zeig mir Deine Freunde und ich sag Dir, wer Du bist", heißt es doch.

Ich möchte mich in ein paar Jahren wieder mit Ihnen zu einem Interview treffen. Wären Sie damit einverstanden?

Sehr gerne. Ich danke Ihnen für Ihre interessanten Fragen.

Bis dahin alles Gute!

(Im Juni 2015)








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